Evang. Jugendarbeit Barnim

 
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Mahntafel in Wandlitz 1999

Mahntafel in Wandlitz 1999

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Mahntafel im Amtshaus in Wandlitz:


"Nie wieder Krieg, nie wieder KZ, nie wieder Diktatur"

21. März 1999, Rede zur Enthüllung

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und Nachgeborene wie ich.
Wir sind hier im Amtshaus zusammengekommen, um eine Mahntafel als Öffentlichkeit in Empfang zu nehmen.
Ist es nur Zufall, daß wir uns dazu am 21. März treffen, am Antirassismustag der Vereinten Nationen und dem größten Fest der Kurden, dem Neujahrs- und Frühlingsfest Newroz?

Die Mahntafel soll an zahlreiche Menschen aus dieser Region erinnern, die sowohl vor als auch nach 1945 zu Unrecht verfolgt und inhaftiert wurden, die in Lagern und Gefängnissen litten oder starben. Viele starben auch noch danach - viel zu früh - an den Folgen.

Die Tafel soll an das Leid vieler Familien erinnern, an ihre Angst um liebe Nächste, an ihr Bedürfnis nach Wahrheit und Aufrichtigkeit, aber auch an die Brutalität und das Gefühl der Ohnmacht, mit der jede Diktatur ihre Untertanen und Opfer lähmen will.

Die Mahntafel ist das Ergebnis einer Initiative von Betroffenen, in besonderer Weise von Herrn Horst Kerkow, der sich engagiert seit neun Jahren darum bemüht hat.

Die Anbringung einer solchen Tafel war in der DDR-Zeit schlicht undenkbar, erst recht hier in Wandlitz, nur wenige Kilometer von der Waldsiedlung entfernt.

Aber auch nach der Vereinigung brauchte es noch Zeit. Zahlreiche Briefe mußten geschrieben, Recherchen angestellt, Fahrten gemacht und lange Gespräche geführt werden. In dieser Mahntafel steckt viel: private Initiative, aufgewühlte Erinnerungen, Bitterkeit und Trauer, auch Angst vor Vereinnahmung, der Wille zum Kompromiß, natürlich Glaube, Hoffnung und Liebe. Gestaltet wurde sie von dem aus Wandlitz stammenden Zeitzeugen und bekannten Bildhauer Harald Haacke.

Im Namen der Initiative haben mich drei sympathische Damen gebeten, daß ich heute früh etwas dazu sagen möge, unabhängig von parteipolitischem Kalkül.

Es ist sehr schwer, am Ende dieses blutigen Jahrhunderts in Deutschland in halbwegs angemessener Weise zu mahnen, gerecht zu erinnern, die Schuldfrage zu stellen oder sie gar beantworten zu wollen.
Ich kann die Bitte einer Betroffenen gut verstehen, die vor einigen Tagen sagte:
"Es geht darum zu mahnen, auf daß nicht wieder politische Verhältnisse entstehen, in denen sich staatliche Macht über unschuldige Menschen erheben kann. Und bitte: Keine Schuldzuweisungen. Der einzelne Mensch hatte keine oder doch nur winzige Entscheidungsspielräume.
Die Mahntafel soll auch sagen: Ja, wir können verzeihen, wir wollen keine Rache. Aber das heißt nicht: vergessen."

Zu unterschiedlich waren die Positionen und Erfahrungen jeder Familie, ja oft jeder einzelnen Person unter den Diktatoren Hitler und Stalin und unter ihren Statthaltern, die ihre Herrschaft bis ins letzte Dorf absicherten.

Und später - nach Krieg, KZ und Diktaturen - unterlagen selbst die Erinnerung und die Reflexion über das rundum Ungeheuerliche, das Menschen vor und nach 1945 angetan wurde, dem jeweiligen Blickwinkel und der jeweils herrschenden Politik.
Da wurde und wird Geschichte zurechtgestutzt und anhaltend gestritten, warum welcher Opfer, wie und ob in besonderer Weise gedacht werden kann, ob und warum andere Opfergruppen bewußt oder ungenannt aus dem Gedenken ausgeschlossen werden sollen.

Sicher ist: Es gab vor und nach 1945 unschuldige Opfer, schuldige Täter, gewaltsame und bewußte Durchsetzung von Unrecht, um die eigene Diktatur zu rechtfertigen und potentielle Gegner abzuschrecken.
Es gab die Weltverbesserer, die notfalls andere zu ihrem Glück zwingen wollten, die meinten, der gute Zweck würde jedes Mittel heiligen.
Jede Diktatur braucht und fördert Spitzel, Denunzianten, Speichellecker, brutale Schläger, funktionierende Funktionäre, Waffen, Gefängnisse, Lager und die Androhung, daß Widerstand tödlich enden wird.

All das gab es vor und nach '45 auch in dieser Gegend. Über die Zeit unter Hitler ist relativ viel bekannt. Ein Symbol für diese Barbarei ist das KZ Sachsenhausen.
Es muß damals sehr "wirksam" und auch bekannt gewesen sein. 1942 forderte ein amtliches Schreiben den vermutlich einzigen Juden, der in Klosterfelde wohnte, auf, er solle sich in Sachsenhausen melden. In der Nacht vor dem Termin nahm er sich das Leben!

Das KZ Sachsenhausen wurde nach dem Krieg von den Sowjets rasch wieder als Internierungslager genutzt.
Der ersten Verhaftungswelle, und sicher auch der zweiten und allen folgenden Wellen gingen nicht nur verstockte Nazis, verblendete Wehrwölfe und Saboteure ins Netz, sondern auch erstaunlich viele Unschuldige, alte und junge Leute, meist Opfer von Denunziationen.
Verhaftet und verfolgt wurden auch politisch mißliebige Personen, z.B. Sozialdemokraten, die im Jahre 1946 die Vereinigung ihrer Partei mit der KPD zur SED nicht wollten. Tausende Menschen wurden in den Jahren nach 1945 - weit über Stalins Tod hinaus - bis Mitte der 50-er Jahre in zahlreichen Speziallagern erniedrigt und in unzähligen Fällen für Verbrechen gequält, die keine waren oder die sie nicht begangen hatten.


Der banale Wahnsinn der Diktatur traf Anfang 1949 völlig unerwartet in Wandlitz und Umgebung 90 junge Leute, angeschwärzt von einem mutmaßlichen Mörder, der sich dadurch selbst zu retten hoffte.
Er behauptete, sie alle seien Mitglieder seiner illegalen Gruppe gewesen. Davon sind mindestens 38 Männer und eine Frau verhaftet worden. Der Rest konnte sich nur durch Flucht in den Westen der Festnahme entziehen.
Das Sowjetische Militärgericht verurteilte den größten Teil der verhafteten Jugendlichen zu 25 Jahren Arbeitserziehungslager, die restlichen bekamen "nur" 20 bzw. 15 Jahre.

Was die Verurteilung ihres Mannes zu 25 J. Arbeitslager für eine junge Frau bedeutete, die erst wenige Monate verheiratet und schwanger war, können wir uns kaum denken.
Kürzlich löste nur die Erwähnung dieser Tatsache durch eine hier anwesende Dame bei Jugendlichen in der Klosterfelder Jungen Gemeinde große Betroffenheit und reges Nachfragen aus.
Ja, viel zu wenig wissen wir Nachgeborenen davon. Über zu viele Ereignisse gerade auch nach 1945 ist der Mantel der Schweigens gebreitet worden. Darum müssen wir ohne Vorurteile nachfragen, lesen, uns erzählen lassen und versuchen zu verstehen.

Wir ahnen nur, was jedem zu Unrecht verfolgten und inhaftierten Menschen seelisch und physisch angetan wurde, und wir ahnen, was sich die Täter damit selbst angetan haben.

Wenn die Würde, die Freiheit und das Leben anderer Menschen mißachtet wird, wenn ein Menschenleben nichts mehr zählt, werden Kriege, Konzentrationslager und Diktaturen wahrscheinlich.
Wo sind wir heute in Deutschland angelangt, wenn in einem zunehmend faschistoiden und rassistischen Klima Würde, Freiheit und Leben bedroht ist, z.B. von Behinderten, Ausländer/innen, Schwulen, politisch Andersdenkenden, ... Wo sind wir in Europa und in den USA hingekommen, wenn dem Völkermord an den Kurden aus bündnispolitischer Rücksichtnahme auf die Türkei nur diplomatische Floskeln und weitere Waffenlieferungen folgen...

Einig sind wir uns bei aller Verschiedenheit wohl in dem eindringlichen Aufschrei dieser Mahntafel hier: "Nie wieder Krieg, nie wieder KZ, nie wieder Diktatur".

Am Ende dieses blutigen Jahrhunderts können wir nur sprechen:
Wir trauern um alle, die in Kriegen und Diktaturen getötet und inhaftiert wurden. Wir erschrecken über alle, die andere getötet und inhaftiert haben.
Wir beklagen, daß wir immer noch so miteinander leben, daß Kriege und Diktaturen nicht ausgeschlossen sind.
Wir schämen uns, daß wir schweigen und untätig bleiben, wo wir reden und handeln müßten. Wir wollen, daß unsere Kinder und Enkel und wir selbst nie wieder "Helden" sein müssen, die töten und getötet werden in "treuer Pflichterfüllung" für ihr Vaterland oder eine andere angeblich höhere Idee. Unsere Heimat ist die Erde, unser Heldentum ist unser Zusammenleben in Gerechtigkeit und Güte, in Mut und Phantasie.         Ich danken Ihnen.

(Dieter Gadischke)
Aktualisiert ( Mittwoch, den 06. Januar 2010 um 23:16 Uhr )